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Was ist prozessorientierte Homöopathie?
oder wie wichtig Träume, Schatten und Wunder sind

Was ist prozessorientierte Homöopathie?

Diesen Artikel über die Besonderheiten der prozessorientierten Homöopathie habe ich im März 2015 im Paracelsus-Magazin veröffentlicht. Ich erzähle davon, wirklich ganzheitlich auf das Leben eines Menschen zu schauen, auf Krankheit und Heilung. Ein tiefer Einblick wird möglich, wenn ich weniger interpretiere.


Gesundheit und Krankheit als dynamischen Prozess verstehen

Die Bedeutung des Prozesses in der Heilkunst

 

„Prozessarbeit ist die Heilkunst, Menschen in der Weisheit ihres eigenen Selbst zu unterstützen und so einen selbstbestimmten Weg zu persönlicher Reife und ursprünglicher Lebendigkeit zu finden. Grundlage ist eine Haltung der Wertschätzung aller Ausdrucksformen menschlicher Existenz.“ Leben ist Bewegung, Dynamik, Prozess – so auch Gesundheit und Krankheit. Sie stammen aus der gleichen Quelle, dem Fluss des Lebens, und wenn er sich nicht mehr bewegt, sprechen wir von Krankheit.

 

Die Verbindung von Prozess und Homöopathie

 

Die prozessorientierte Homöopathie versteht sich als Begleiterin bei Erkrankungen und Verstimmungen, sei es körperlicher, seelischer oder geistiger Natur. Gesundheit und Krankheit sind beide Prozesse, der Unterschied besteht darin, dass bei einer Erkrankung der ursprüngliche Prozessweg zur Gesundung gestört, in der Regel an einem Punkt fixiert und nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu heilen.

 

Wenn sich uns ein Patient in der Praxis vorstellt und seine Ekzeme zeigt, von seinen chronischen Colitis-Beschwerden erzählt oder von den Schüben der Multiplen Sklerose berichtet, der Liebeskummer, die Trauer, die noch in uns steckt sowie auch Gefühle von mangelndem Selbstwert oder Selbstvertrauen u.v.m., all diesen Beschwerden, Erkrankungen und Belastungen ist gemein, dass sie einen Punkt in einem Prozess darstellen, an dem die Lebenskraft (homöopathisch Dynamis) und damit die Selbstheilungskräfte unbeweglich geworden sind, sich also an diesem Punkt fixiert haben. Als Therapeuten wollen wir ein homöopathisches Mittel finden, das den Prozess wieder anschiebt, wieder in Bewegung bringt. Stellen Sie sich eine große Standuhr mit Pendel vor: Die Krankheit zeigt sich versinnbildlicht als das Pendel, das an einer bestimmten Stelle des Ausschlags feststeckt, die Uhr zeigt dadurch ständig die falsche Zeit an.

 

In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, wozu die prozessorientierte Homöopathie fähig ist, welchen Sinn und Nutzen sie für die Behandlung akuter und chronischer Leiden darstellt und wie sie uns Homöopathen einen spirituellen Hintergrund (wieder) gibt, den auch die Homöopathie lange schmerzlich vermisst hat: „Eine Disziplin, mag sie sein, was sie will, Heilkunde oder sonst etwas, die auf Weltanschauung verzichtet, d.h. die darauf verzichtet, sich selber im Ganzen wiederzufinden, die verzichtet damit auf das Beste, auf ihre eigene Zukunft.“

In Bad Boll entsteht eine neue Homöopathie

Die prozessorientierte Homöopathie ist eine lebendige, dem Leben und den Menschen sehr ähnliche Heilkunst. Sie entstand während der Homöopathie-Wochen in Bad Boll, einem kleinen Ort in Baden-Württemberg, in den 1980er und 1990er Jahren. Dort versammelten sich Homöopathen aus ganz Deutschland, um homöopathische Mittel zu prüfen. Was dort erlebt wurde, drückte Jürgen Becker, einer der Initiatoren der Boller Homöopathie-Wochen, so aus: „Ich möchte diese Zeit als große Experimentierphase bezeichnen, in der wir tiefe Einblicke in das Geheimnis vom jeweiligen Geist der Materie und seiner Wirkung auf alles Lebengeschehen gewinnen durften.“³ Viele der schon bekannten homöopathischen Arzneien wurden dort in sog. Großgruppenprüfungen untersucht. In Bad Boll wurde der Grundstein dafür gelegt, dass wir mittlerweile ein so umfassendes Wissen über unseren Arzneimittelschatz haben, was die seelisch-geistigen Verstimmungen und Erkrankungen, die Träume und die im Mittel wirkenden Prozesse betrifft. Dort erschlossen sich die homöopathischen Mittel in einer bisher nie bekannten Tiefe.

 

Durch die Ansammlung so unterschiedlicher Homöopathen und Homöopathinnen konnten diese Mittel auf Wahrnehmungsebenen erlebt werden, wie es bis dahin nicht möglich war. Die Chinarinde, das allererste homöopathische Mittel bei Samuel Hahnemann, wurde z.B. auch dort geprüft. Prüferinnen berichteten von Gefühlen, dass sie unerwünscht sind, nicht gewollt waren, berichteten von Träumen, dass sie mehrmals abgetrieben worden waren und dem Verlangen nach Qigong während der Mitteleinnahme. Über die Chinarinde als pflanzliches Mittel war bis dahin bekannt, dass es früher oft zu Aborten führte und zum Schwangerschaftsabbruch benutzt wurde. Dieses vervollständigte Wissen über die Heilkraft der homöopathischen Chinarinde kann bei vielen Menschen seitdem eingesetzt werden, um mit Gefühlen wie unerwünscht sein oder fehlender mütterlicher Liebe umzugehen.

 

Auch den sog. Phänomenen, Zufällen und Synchronizitäten, die unter der Einnahme eines Mittels auftauchen, wurde viel Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt. Wir wissen z.B. von Natrium (Kochsalz) über das Phänomen der self fulfilling prophecy, der selbst erfüllenden Prophezeiung. Natrium-Menschen wiederholen immer wieder die enttäuschenden und schmerzlichen Situationen im Kopf und sorgen durch diese eigene Negativprogrammierung immer wieder dafür, dass solche Situationen sich stetig wiederholen. Wir wissen aus den Prüfungen, dass es unter der Einnahme von Aurum (Gold) zu finanziellen Ängsten kam, zu Sorgen um die Einnahmen. Daher wissen wir, dass Aurum ein Heilmittel für die Ängste, aber auch für reale Verarmung ist, wenn plötzlich die Kunden, Klienten oder Patienten wegbleiben. Nach dem Ende der Boller Homöopathie-Wochen setzten zwei begeisterte Homöopathen aus Berlin, Andreas Krüger und Hans-Jürgen Achtzehn, diese Arbeit fort. Die prozessorientierte Homöopathie ließ mich mehr über die Zusammenhänge des Lebens begreifen und verstehen, und das ist wichtig, da wir täglich nicht nur in unseren Praxen mit dem Leben zu tun haben. Aus dem erweiterten Verständnis, wie unser Leben, unser Mensch-Sein und unser Planet Erde zusammenhängen (und wie wir alle zusammenhängen), haben sich als Erweiterung zur Hahnemann´schen Homöopathie neue wichtige Prinzipien herausgebildet:

 

  • Positives Arzneimittelbild und positives Menschenbild

  • Erweitertes Ähnlichkeitsprinzip – Resonanz zwischen Behandler und Klient

  • Schattenarbeit (und die Therapie des Therapeuten)

  • Träume – Arzneimittelfindung und Prozessbegleitung

  • Hypertone und hypotone Arzneimittelseiten (und Arzneimittelbeziehungen)

  • Arzneiwesen vs. Arzneimittelbild (Arzneibegegnung und Arzneimittelprüfung)

  • AMEA – ArzneiMittelEntwicklungsAufstellung

  • Die positive Absicht des Symptoms • Arzneispezifische Patientenführung und -begleitung

  • Potenziale der Arzneimittel – Lösung & Erlösung – Die Wunder-Frage

  • Arzneimitteltrance – Reisen in die innere Bilderwelt

  • Kollektive Dimension der Arznei – Das Mittel als Archetypus

  • Symbole und Phänomene – Sprache der homöopathischen Arznei

  • Homöopathie und Systemische Therapie

  • Wahrnehmung und Sensitivität – Der Schlüssel

 

Zwei werde ich im Folgenden näher erläutern.

Innere Tafelrunde und positive Absicht des Symptoms

Die innere Tafelrunde

 

An jeder inneren Tafelrunde sitzt die Königin, der König, an der Spitze und wird umgeben von verschiedenen Teilpersönlichkeiten, die jeweils für unterschiedliche Eigenschaften bei uns stehen. Diese Gesamtpersönlichkeit wird dann gestört, wenn eine der Teilpersönlichkeiten auf sich aufmerksam machen will und wir nicht zuhören. Oft nicht, weil wir nicht können, sondern, weil wir die Sprache nicht verstehen. Körperliche Symptome, Beschwerden oder Ängste sind die Sprache, mit der die Teilpersönlichkeiten mit uns kommunizieren. Unsere Aufgabe ist es, diese Sprache zu lernen. Hilfreich sind dabei unsere homöopathischen Mittel, jede Arznei hat dabei einen starken Bezug zu bestimmten Wesenseigenschaften und einen spezifischen Ausdruck, die Erkrankung der Teilpersönlichkeit zu zeigen.

 

Bei Hyoscyamus (Schwarzes Bilsenkraut) wissen wir, dass es zur Eifersucht neigt. Unsere Hyoscyamus-Teilpersönlichkeit zeigt sich oft darüber, dass sie in Konflikten anfängt auszurasten, wütend, sogar handgreiflich zu werden. Ein Zustand von Raserei kann auftreten. Oder Frauen, die dieses Mittel bedürfen, leiden unter Menstruationsbeschwerden, davor oder währenddessen. Hyoscyamus kann auch angezeigt sein, wenn man unter Krämpfen oder epileptischen Anfällen leidet. Dies sind alles Beschwerden, auf die wir Hyoscyamus geben würden. Gleichzeitig ist es wichtig zu schauen, wieso sich diese Teilpersönlichkeit von ihrem/ seinem Platz erhoben hat und sich so massiv zu Wort meldet. Beim Bilsenkraut wissen wir, dass es als Teilpersönlichkeit um den Bereich der Sexualität geht. Dort kann es sich um die Scham vor dem eigenen Körper handeln, um alte, dem Bewusstsein nicht mehr zugängliche Verletzungen, die unseren körperlich-sexuellen Bereich betreffen, z.B. der Umgang mit der Menarche, der ersten Menstruation, oder der Umgang mit der beginnenden Körperlichkeit bei Teenagern, wo Eltern oft große Fehler machen können, wenn Bemerkungen fallen wie „So willst du rausgehen? Das sieht ja aus wie eine Nutte!“. Unsere Hyoscyamus- Teilpersönlichkeit will gehört werden, weil sie uns auffordern möchte, dass wir uns mit diesen alten Verletzungen beschäftigen und sie loslassen und bewusst einen neuen, inneren Umgang damit finden.

 

Die positive Absicht des Symptoms

 

Oft haben wir es in der Praxis mit sog. austherapierten Patienten zu tun, Menschen, die einen langen Krankheitsweg hinter sich, vieles ausprobiert haben und bei denen die schulmedizinische Therapie nicht helfen konnte. Schmerzen, die seit Jahren nicht weggehen, Verdauungsprobleme, deren Ursache man nicht feststellen kann oder Ängste, die immer wieder auftreten, die aber vom Patienten nicht verstanden oder zugeordnet werden können. Vor einigen Jahren kam eine Patientin zu mir in die Praxis, die unter starken Schmerzen und Bewegungseinschränkungen durch multiple Arthrosen in Hüfte, Knien und Armen litt. Zudem noch ein einseitiges Karpaltunnelsyndrom und einiges mehr. Dazu hatte sie auch einen stabilen Morbus Hodgkin, eine tumorartige Erkrankung des Lymphsystems. Vordringlich kam sie jedoch wegen der Erkrankung ihrer Gelenke. Vordergründig gab es keine Erklärung für ihre Beschwerden. Irgendwann stellte ich ihr die Frage, was denn die positive Absicht ihrer Beschwerden ist. Zuerst reagierte sie darauf mit Unverständnis und fragte, was das denn bedeuten soll. Ich erklärte ihr, dass unsere Beschwerden oft Botschaften an uns enthalten und im homöopathischen Sinne unsere Lebenskraft uns dazu auffordern möchte, zu einem Problem oder inneren Konflikt zu schauen. Unsere Lebenskraft hilft uns, die Bedeutung unserer (körperlichen) Beschwerden zu verstehen. Durch das Gespräch mit der Patientin wurde mir klar, welches Mittel ich ihr geben musste, ein wichtiger Effekt, trotz allem waren wir beim ersten Gespräch nicht auf den dahinterliegenden Konflikt gestoßen.

 

Ich gab ihr Calcium carbonicum. Nach 2 Tagen rief sie mich an und berichtete über Kopfschmerzen, die sie auf mein Nachfragen schon kannte, aber zum letzten Mal hatte, als sie Anfang 20 war. Homöopathisch war dies ein eindeutiger Hinweis, dass das Mittel gut für sie war, denn wir beschreiten in der homöopathischen Behandlung den Prozess rückwärts, d.h. bei erfolgreicher Behandlung können alte, frühere Symptome kurzzeitig wieder auftauchen. Wir gehen den Prozess der Krankheitsentstehung rückwärts und begleiten den Gesundwerdungsprozess mit den passenden homöopathischen Arzneien.

 

Beim Folgetermin hatten wir aufgrund des Kopfschmerzes einen biografisch historischen Punkt erreicht, mit dem wir dann arbeiteten. Plötzlich und sehr unvermittelt brach sie in Tränen aus und erzählte, wie sie mit Anfang 20 ihre erste große Liebe verlor, weil sich der Freund den Drogen hingegeben hatte. Bis jetzt machte sie sich unbewusst Vorwürfe, dass sie ihn nicht retten konnte. Zur Heilung dieser tiefen Emotionen gab ich ihr Natrium muriaticum, das wichtigste Mittel für den Verlust geliebter Menschen. Natrium über längere Zeit und Rituale, in denen sie sich von dem lösen konnte, was sie noch negativ an den Freund gebunden hatte, brachten ihr weitgehende Schmerzfreiheit.

 

Für die Entwicklung von Potenzial und die Ausschöpfung unserer Kreativität

 

Vor der prozessorientierten Homöopathie gab es nur krankhafte und behandlungsbedürftige Symptome und Krankheiten. Die ProzHom hat sich verdient gemacht um die Erforschung der verschiedenen Potenziale der Arzneimittel. Am Beispiel des schon erwähnten Natriums kann man die Möglichkeiten deutlich sehen: Natrium hat viel mit Trauer, Enttäuschung und altem Kummer zu tun. Wenn der Natrium-Patient gelernt hat, dies heilsam loszulassen, ist er aufs Beste geeignet, um mit solchen Themen umzugehen und seine Mitmenschen in einem ähnlichen Prozess zu begleiten. Natrium ist ein typisches Psychotherapeutenmittel, das in erlöster Form dem Patienten Geborgenheit vermitteln kann. Bei der homöopathischen Wolfsmilch (Lac Lupi) geht es um die Freiheit des Menschen und diese nicht aufzugeben zugunsten des Friedens mit anderen. Lac Lupi gibt dem eigenen Selbst das Vertrauen und den Biss, auch Konflikte auszutragen, wenn diese nötig und wichtig sind. Ich konnte einem Patienten mit der Wolfsmilch gut helfen, in seine Führungsrolle zu kommen innerhalb eines Teams, in dem er der Chef war. Mit der Wolfskraft konnte er auch nonverbal seinen Führungsanspruch ausdrücken und musste sich auf keine Wortstreitigkeiten mehr einlassen.

 

Ich wünsche uns mit einem neuen Blick auf unsere eigenen Prozesse schauen zu können.

Dein Fabian Strumpf

Der Prozess der Heilung

Prozessarbeit ist die Heilkunst, Menschen in der Weisheit ihres eigenen Selbst zu unterstützen und so einen selbstbestimmten Weg zu persönlicher Reife und ursprünglicher Lebendigkeit zu finden. Grundlage ist eine Haltung der Wertschätzung aller Ausdrucksformen menschlicher Existenz.

 

Verfasser unbekannt

Was ist Leben?

Leben ist Bewegung, Dynamik, Prozess – so auch Gesundheit und Krankheit. Sie stammen aus der gleichen Quelle, dem Fluss des Lebens, und wenn er sich nicht mehr bewegt, sprechen wir von Krankheit.

 

Fabian Strumpf

Heilkunst als Teil des Ganzen

Eine Disziplin, mag sie sein, was sie will, Heilkunde oder sonst etwas, die auf Weltanschauung verzichtet, d.h. die darauf verzichtet, sich selber im Ganzen wiederzufinden, die verzichtet damit auf das Beste, auf ihre eigene Zukunft.

 

Paul Dahlke: Heilkunst und Weltanschauung, S. 11. Hippokrates Verlag, Berlin

Das Wesen der homöopathischen Arzneien

Ich möchte diese Zeit als große Experimentierphase bezeichnen, in der wir tiefe Einblicke in das Geheimnis vom jeweiligen Geist der Materie und seiner Wirkung auf alles Lebengeschehen gewinnen durften.

 

Jürgen Becker: Vorwort in Symbolische Materia Medica von Martin Bomhardt. 3. Auflage. Verlag Homöopathie&Symbol, Berlin

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